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Erschienen im Mai 2018

 

 

Der Komponist Simon Leidbrecht ist wegen einer anhaltenden Schaffenskrise verstimmt und will die neueste Erfindung seines Freundes Leo Bernstein nutzen, um sie zu überwinden. Diese Erfindung ist eine Zeitmaschine, mit der er in vergangenen Epochen Noten aufstöbern will, die nicht überliefert wurden, um sie als eigene Werke auszugeben.

Die erste Zeitreise führt die Musiktherapeutin Mitternacht  und einen Physikstudenten ins Mittelalter, danach begeben sich Leidbrecht und Mitternacht ins 18. Jahrhundert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bericht von Agnieszka Dorn, RNZ 11.7.2018

Leseprobe:

Schließlich war der große Augenblick gekommen. Alle hatten sich um die Maschine versammelt: die Physiker, die Techniker, auch Leidbrecht. Wieder war der Raum in blaues Licht getaucht. Die beiden Zeitreisenden bekamen eine Ledertasche zum Umhängen mit einer Erste-Hilfe-Ausrüstung. Dazu gehörte eine kleine Aluminiumdose mit einem Gas als Verteidigungswaffe, mit der man einen Gegner innerhalb von Sekunden ausschalten konnte. Daneben enthielt sie Zündhölzer nebst Zunderschwamm, wichtige Medikamente, eine Holzschale, außerdem Reinigungstabletten für Trinkwasser und ein Taschenmesser mit allen möglichen Werkzeugen. Die Beschaffung von Münzen war am schwierigsten gewesen. Natürlich waren die Museen nicht ohne weiteres bereit, ihre Sammlung zu veräußern. Also ging man daran, sie möglichst originalgetreu zu fälschen, in der Hoffnung, dass das nicht auffallen würde.

Sie waren der Zeit gemäß angezogen. Agnes hatte entschieden, sich als Mann zu verkleiden, da ihr das mehr Bewegungsmöglichkeiten gab. Zu ihrer Ausstattung gehörten weiße Unterhosen aus Leinen und Beinlinge aus Wolle, die wie lange Strümpfe aussahen. Sie mussten an der Unterhose befestigt werden. Darüber kamen ein weites weißes Hemd und ein Wams aus wattiertem Filz. Außerdem Bundschuhe, eine Kappe und ein Dolch an einer Stahlkette. Die Kleidungsstücke waren so ausgewählt worden, dass sie statusneutral wirkten, weder teuer noch ärmlich. Sie mochten der Kleidung eines mäßig erfolgreichen Händlers oder auch eines heruntergekommenen Adligen entsprechen. In ihrer Tasche führten Sie außerdem Mönchskutten mit sich.

Eine Mischung aus Angst, Aufregung und Abenteuerlust überkam Agnes, als sie sich anschickte, in die Kapsel zu steigen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ihr Begleiter lächelte sie nervös an und rief: „Na dann Hals- und Beinbruch.” Physiker und Techniker standen im Kreis um sie herum und riefen im Chor: „Hals- und Beinbruch“.

 

 

Die beiden nahmen Platz und schlossen den Einstieg. Nachdem sie Zeit und Ort eingestellt hatten, kam es ihnen plötzlich so vor, als seien sie völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Ein nebelhaftes Nichts machte sich um ihre Sitze breit. Agnes murmelte: „Das ist wohl das Kraftfeld, das uns abschirmen soll, während wir durch die Zeit sausen.” Doch von Sausen konnte gar keine Rede sein, sie fühlte keinerlei Bewegung und versuchte irritiert ihre Hand in die Leere zu strecken, mit dem Erfolg, dass sie an eine unsichtbare Barriere stieß. Agnes stellte sich vor, wie sich die Zeitschleife schloss, in sich selbst zurückgebogen wurde. Doch sie hatte das Gefühl, als gebe es gar keine Zeit mehr, als sei sie ausgeschaltet worden. Sie schwebten nicht, wie das bei den Astronauten der Fall war, obwohl sie nicht angeschnallt waren. Die Maschine hatte ein eingebautes Schwerefeld, das sie in ihre Sitze drückte.

Sie hatte sich immer vorgestellt, dass eine Zeitreise sozusagen im Nu geschieht, aber sie saßen eine ganze Weile in ihrer Kapsel. Subjektiv verging also durchaus Zeit. Für ein Gespräch fehlte ihnen der Sinn, so harrten sie gebannt und in sich gekehrt der Dinge, die kommen würden. Dann vernahmen sie plötzlich ein Zischen, mit dem frische Luft hereindrang. Der Touchscreen blinkte auf und gab in großen Buchstaben Ort und Zeit an. Sie waren angekommen. Bevor sie die Klappen öffneten, griffen sie nach hinten und holten ihre Ledertaschen aus dem Gepäckraum.

Sie befanden sich mitten in einem Buchenwald. Die Sonne schien durch die Bäume und warf ein bewegtes Muster auf den Waldboden. Die Kugel stand neben einem schmalen Pfad. „Fantastisch“, sagte Ewald und schaute nach oben in die Wipfel der riesigen Bäume. Die Stämme waren so dick, dass sich drei Leute dahinter verstecken konnten.

Agnes war ganz benommen und antwortete: „Wunderschön.” Sie stand da und lauschte. Sie hörte das Zwitschern von Vögeln und das Rascheln des Windes in den Blättern. Ansonsten war es still. Unheimlich still. Sie atmete tief ein.

 

Bevor sie sich aufmachten, tarnten sie die Kapsel mit Zweigen. An einer Lichtung auf einer Anhöhe konnten sie einen kleinen Fluss sehen, der sich durch Felder und Wiesen schlängelte. Und dann erblickten sie auch den mächtigen Komplex des Klosters, das sie aufsuchen wollten. Eine geometrische Ansammlung von Innenhöfen, überdachten Wegen und einem Kreuzgang, alles aus beigefarbenem Stein und umgeben von einer hohen Steinmauer. Die Anlage sah aus wie eine dicht bebaute kleine Stadt. Die Felder der Abtei waren von niedrigen Steinmäuerchen begrenzt. Sie kamen zu einer Brücke, unter der eine starke Strömung hindurchbrauste, die mehrere Wasserräder antrieb. Sie gingen auf das Kloster zu und gelangten an die drei Meter hohe Mauer, die es umgab. Sie entdeckten eine schmale Tür, pochten dagegen und warteten. Nach einer Weile öffnete sich ein kleines vergittertes Fenster, hinter dem ein Gesicht erschien, das von einer weißen Kapuze umrahmt war. Der Mönch murmelte auf Latein: „Gelobt sei Jesus Christus.” Sie antworteten: „In Ewigkeit amen.” Der Ordensbruder wechselte ins Französische und fragte: „Was ist euer Begehr?”

Agnes antwortete: „Wir möchten zu Magister Marcel.“

Der Mönch bat sie, einzutreten. Er öffnete die Tür so weit, dass sie nacheinander eintreten konnten. Sie hatten in ihren Vorbereitungen gelesen, dass die Klöster ein Hort für Arme und Kranke waren und dass Reisende jederzeit beherbergt wurden. Das hing mit verschiedenen Aussagen im neuen Testament zusammen. An einer Stelle sagt Jesus zu den Gesegneten: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“ Überhaupt war die Gastfreundschaft in der Antike ein hohes Gut gewesen, was auch im Mittelalter noch galt. Trotzdem wunderte sich Agnes nun ein wenig über diese Selbstverständlichkeit.

Der Pförtner sagte: „Ihr habt Glück. Magister Marcel ist noch hier.“ Sie befanden sich in einem kleinen, dunklen Vorraum. Aus dem Inneren des Klosters hörten sie leise Gesänge. Der Mönch führte sie einen Gang entlang. Die Wände bestanden aus nacktem Stein. Die Abtei erschien ihnen groß und unübersichtlich wie ein Labyrinth.

Der Ordensmann trug eine weiße Kutte mit einem schwarzen Skapulier. Agnes und Ewald hatten gelernt, dass die Zisterzienser strenge Ordensregeln befolgten, die sie als Kritik an den verweltlichten Orden der Benediktiner und Dominikaner begriffen. Durch Prachtentfaltung und Reichtum waren die ursprüngliche Einfachheit der monastischen Lebensweise und das Ideal, von der eigenen Hände Arbeit zu leben abhandengekommen. Abgeschiedenheit von der Welt und asketische Lebensweise waren Grundprinzipien der Reformbewegung. Von den Zisterziensern wurde strenge Disziplin erwartet. Sie erlaubten auch keine Verzierungen an ihren Gebäuden. Ihre Ernährung bestand aus Gemüse, Getreide und Fisch, sie aßen kein Fleisch. Agnes war gespannt, ob Ideal und Wirklichkeit übereinstimmen würden.